All content © LEBEN AM LIMIT!

Woher, wenn nicht aus der Wildnis?

Die Artenvielfalt des Nationalparks Kalkalpen ist im Alpenraum einzigartig

Was haben Zottenbock, Alpenbock und Rindenschröter gemeinsam? Wie passen Eschen-Scheckenfalter, Waldbrettspiel und Augsburger Bär dazu? Und was haben die Zwergschnäpper hier verloren? Ganz einfach, sie alle sind Urwaldreliktarten.
Was auf den ersten Blick alt und verstaubt klingt, ist vielmehr ein ökologisches Gütesiegel ersten Ranges. Urwaldreliktarten sind solche Tierarten, die nur in sehr alten, vom Menschen unbeeinflussten Wäldern, im Idealfall also in Urwäldern vorkommen. Sie brauchen altgewachsene Lebensräume, die erst nach 200, 400, 600 oder sogar mehr Jahren entstehen. Gehen diese Lebensräume verloren, gehen auch die daran gebundenen Arten verloren.

Es braucht das richtige Milieu

Einer dieser wertvollen Lebensräume, der Zeit braucht, wie guter Wein, ist das Totholz. Von rund 13.000 im Wald lebenden Pflanzen-, Pilz- und Tierarten sind etwa 4.500 im Laufe ihrer Entwicklung auf alte und tote Baumstämme angewiesen. Und dabei ist Totholz nicht gleich Totholz! Die holzbewohnenden Käferarten können ein Lied davon singen. Die meisten von ihnen, insbesondere die Urwaldreliktarten, sind zwar nicht von bestimmten Waldgesellschaften oder Baumarten abhängig, dafür brauchen sei eine Vielzahl spezieller Milieufaktoren. Sie existieren also nur, wenn das Zusammenspiel von Temperatur, Licht, Höhenstufe, Relief, Boden, Feuchtigkeit, Totholzdimension und Zeit die geeigneten Bedingungen entstehen lässt. Dass das nicht von heute auf morgen passiert, versteht sich von selber.

Foto: Weberknechte zählen zu jenen Tierarten, die Strukturreichtum und Totholz brauchen.

Es gibt sie noch, die Urwaldrelikte

Der Nationalpark Kalkalpen, der sich seit 2007 das Leitbild „Wildnis“ aufs Banner geschrieben hat, wollte es genau wissen. Wie viele Tierarten haben die lange forstwirtschafliche Periode vor der Entstehung des Nationalparks überdauert? – Das Ergebnis: Allein bei den Käfern ließen sich 22 Urwaldreliktarten nachweisen, darunter der charismatische Alpenbock, der im Nationalpark sogar weit verbreitet ist oder der Rindenschröter, der unter den Hirschkäfern am stärksten an das Vorkommen von Urwäldern gebunden ist.

Dem nicht genug, stellte sich auch heraus, dass der Nationalpark überdurchschnittlich viele Spechte und Schnäpper beherbergt. Und in keinem anderen Schutzgebiet Österreichs gibt es mehr Schmetterlingsarten. Der Eschen-Scheckenfalter, der zu den am stärksten gefährdeten heimischen Faltern zählt, ist einer von sage und schreibe 1500 Arten. Was er braucht? – Naturnahe Schlucht- und Gebirgsauwälder. Die gibt’s freilich nicht (mehr) überall. Im Nationalpark Kalkalpen schon, und genau das stimmt den Nationalpark-Ökologen Erich Weigand so zuversichtlich: „Die alpine Lage, die vielen Gräben und die Unzugänglichkeit etwa des Hintergebirges haben dafür gesorgt, dass wertvolle Areale und Lebensräume erhalten geblieben sind, von denen aus die tierischen Raritäten den Nationalpark nun wieder besiedeln.“

Foto: Der Apollofalter ist einer von sage und schreibe 1500 Schmetterlingsarten, die im Nationalpark Kalkalpen vorkommen.

Das Besondere an den Kalkalpen

Erich Weigand weiß auch, was die Kalkalpen so besonders macht. „84 Prozent der Fläche aller 14 Alpen-Nationalparks liegen über der Waldgrenze. Der Nationalpark Kalkalpen ist der einzige, der von den Tallagen bis in die alpinen Bereiche über einen derart diversen Wald verfügt.“ Auf etwas mehr als 200 Quadratkilometern schützen die Kalkalpen das größte zusammenhängende Waldgebiet Österreichs. Und genau in diesem Wald, der geprägt ist von Gräben und Lichtungen, von Sonneneinstrahlung und Schatten, von Trockenheit und Nässe, von Steilheit, Steinen, Totholz und Überhängen, von Hochwasser, Lawinen und Sturm, genau hier entsteht die Vielfalt. In der Wildnis.

Foto: Der Nationalpark Kalkalpen schützt das größte zusammenhängende Waldgebiet Österreichs.

„Das gilt übrigens auch für die scheinbar so artenreichen Almen. Die Alm kann nämlich nur so artenreich sein, wie das Hinterland rings um sie herum. Woher sollen die Arten denn kommen, wenn nicht aus der Wildnis?!“

Foto: Woher soll denn die Vielfalt der Alm kommen, wenn nicht aus der Wildnis?!

Leave A Comment