All content © LEBEN AM LIMIT!

Können wir miteinander? – WWF Experte Christian Pichler im Interview

Artenschutz-Experte Christian Pichler ist beim WWF Österreich zuständig für die großen Beutegreifer Wolf, Bär und Luchs. Mit LEBEN AM LIMIT spricht er über Naturschutzverpflichtungen, Möglichkeiten des Miteinanders, darüber wie viel Akzeptanz es braucht und ob wir überhaupt noch genug Platz für die drei großen Wilden in unserer kulturlandwirtschaftlich geprägten Welt haben.

Leben am Limit:
Kommen wir zu Beginn kurz auf das Vokabular zu sprechen: „Raubtier“ und „Beutegreifer“ werden Synonym gebraucht. Gibt es einen Unterschied?

Christian Pichler:
„Raub“ ist gewissermaßen eine unrechtmäßige Aneignung. Bär, Wolf oder Luchs eignen sich das Schaf oder das Reh ja nicht unrechtmäßig an. Insofern nutze ich lieber den Begriff „Beutegreifer“. Das kann man halten wie man möchte.

Leben am Limit:
Große Raubtiere sind vor allem dann bei uns in den Schlagzeilen, wenn sie an Hab und Gut des Menschen Schaden anrichten. Gerne wird dann folgender Spruch laut: „Wir brauchen diese Tiere doch gar nicht.“ Brauchen wir große Raubtiere?

Christian Pichler:
Der Wolf ist ein wichtiger Bestandteil der heimischen Artenvielfalt. Er erfüllt wichtige Aufgaben in unserer Natur, so etwa die Rolle als „Gesundheitspolizei“. Da er vermehrt krankes und schwaches Wild frisst, hält er den Wildbestand fit. Die „Existenzberechtigung“ von großen Beutegreifern ist außerdem eine Frage des Naturverständnisses. Wenn man den Menschen über alles stellt, dann „braucht“ man prinzipiell ja auch keine Rehe und Hirsche.

Leben am Limit:
Abgesehen von dieser ethischen Frage gibt es ja auch ganz konkrete Naturschutzverpflichtungen. Welche wären das?

Christian Pichler:
Das ist korrekt, Österreich hat sich im Rahmen von internationalen Vereinbarungen wie der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU dazu verpflichtet, gefährdete Tierarten wie Bär, Wolf und Luchs zu schützen. Konkret heißt das, dass wir für diese Tiere einen günstigen Erhaltungszustand sicherstellen müssen.

Leben am Limit:
Was wäre denn für die großen Raubtiere ein „günstiger Erhaltungszustand“? Kann man das genauer definieren oder quantifizieren?

Christian Pichler:
Günstig sind nicht nur ein paar wenige Individuen, sondern stabile Populationen. Für Wolf, Bär und Luchs heißt das konkret, dass es staatsübergreifend jeweils 1000 erwachsene Tiere bräuchte, wenn die Population isoliert ist bzw. 250 Individuen, wenn es eine Anbindung mit anderen Populationen gibt.

Leben am Limit:
Wie realistisch sind diese Zahlen? Haben Länder wie Österreich überhaupt genügend Platz um solche Populationen zu beherbergen?

Christian Pichler:
Der Wolf zum Beispiel, der bei uns gerade für enorm viel Aufregung sorgt, kann überall in Mitteleuropa in der Kulturlandschaft leben. Deutschland ist zweieinhalb mal so dicht besiedelt wie Österreich und hat mittlerweile 70 Wolfsrudel mit rund 400 Individuen. In Slowenien leben rund 560 Braunbären auf einer Fläche, die in etwa sechs Prozent der Staatsfläche Österreichs entspricht. Aus ökologischer Sicht ist also genügend Platz für Bären und Wölfe. Es stellt sich aber die Frage, wie viel Platz wir diesen Arten in unseren Köpfen einräumen.

Leben am Limit:
Und wie sieht es mit den Konflikten aus? Kann ein Zusammenleben von Mensch und Raubtier gelingen? Mitunter ist ja schon ein Luchs, ein Bär oder ein Wolf zuviel.

Christian Pichler:
Die wichtigste Grundvoraussetzung ist die Toleranz der Menschen. In einer vom WWF im Mai 2008 beauftragten market-Umfrage sprachen sich 71 Prozent der ÖsterreicherInnen - nicht nur in den Landeshauptstädten, sondern auch in den Bärengebieten - für eine Freilassung neuer Bären aus, wenn dadurch das Aussterben der Art in Österreich verhindert werden könne. Trotz der großen Zustimmung stimmten die zuständigen Landesräte aus Niederösterreich und der Steiermark gegen eine Bestandsstützung. Beim Wolf ist es ähnlich. In einer kürzlich gemachten market-Umfrage hat sich gezeigt, dass 75 Prozent der österreichischen Bevölkerung die natürliche Rückkehr des Wolfes nach Österreich positiv sehen. Das hindert manche Landesjägermeister und Politiker aber nicht daran wolfsfreie Zonen für Österreich zu fordern.

Leben am Limit:
Wir rekapitulieren die Bärenhistorie kurz für unsere Leser: 1972 wanderte nach 150 Jahren Abwesenheit erstmals wieder ein Braunbar nach Österreich ein, der sogenannte Ötscherbär. Um den Bärenbestand zu stützen, startete der WWF eine Wiederansiedlung. In den Jahren 1989 und 1993 wurden drei Bären, zwei Weibchen und ein Männchen, aus Slowenien und Kroatien im Ötschergebiet freigelassen. Bis 2007 wurden 31 Bären in Österreich geboren. Ab 1999, zu diesem Zeitpunkt gab es 12 Bären im Ötschergebiet, kam es jedoch zu einer Reihe ungeklärter Verluste und seit dem Frühjahr 2011 ist auch der letzte verbliebene Ötscherbär, Moritz, verschwunden. Damit sind die Braunbären in Österreich, abgesehen von ein paar wenigen Tieren, die sich in der Kärntner Grenzregion tummeln, bereits zum zweiten Mal ausgestorben.
Woran ist die Wiederansiedlung letztlich gescheitert?

Christian Pichler:
Wir haben damals den Fehler gemacht, die Wiederansiedlung ohne die dezidierte Rückendeckung der Jägerschaft zu starten. Es gab zwar in der Bevölkerung eine breite Zustimmung, aber die Schlüsselspieler, Jägerschaft und Landwirtschaft, fehlten in dieser Gleichung.
Obwohl nur 1,5 Prozent der österreichischen Bevölkerung Jäger sind und nicht mal 5 Prozent Bauern, haben diese aufgrund ihres Arbeits- und Interessensgebietes freilich einen enormen Einfluss. Und so lange die Populationsgröße einer bestimmten Art noch sehr klein ist, ist diese außerdem auch besonders anfällig für Eingriffe, wie etwa illegale Abschüsse. Diese dürften auch die Hauptursache für das neuerliche Verschwinden der wiederangesiedelten Braunbären gewesen sein.

Leben am Limit:
Ist damit das Thema Wiederansiedlung für den WWF gestorben bzw. was hat man aus dieser missglückten Wiederansiedlung gelernt?

Christian Pichler:
Andere Projekte in Europa haben davon gelernt. So wurden ab 1999 im italienischen Trentino zu den vier noch verbliebenen Bären weitere zehn Bären umgesiedelt. Der Bestand entwickelt sich seither wesentlich besser, als es in Österreich der Fall war. Im Moment leben dort etwa 50 Bären.
Momentan scheint die Zeit für ein neues Umsiedlungsprojekt in Österreich nicht reif zu sein. Deshalb setzt der WWF verstärkt auf internationale Zusammenarbeit. Wenn es gelingt die Bärenzahlen sowohl im Trentino als auch im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien zu steigern, dann wird über kurz oder lang auch Zentralösterreich wieder besiedelt werden. Deswegen will der WWF jetzt die Basis für die Akzeptanz der Bären schaffen. Das Aufstellen von bärensicheren Abfallcontainern, die Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen sowie Entschädigungszahlungen für betroffene Landwirte gehören ebenso dazu wie eine gute  Öffentlichkeitsarbeit und eine genaue Untersuchung der Wanderbewegungen.

Leben am Limit:
Danke für das Gespräch!

Leave A Comment