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Der Wert der alten Wälder – Die Buchen im Nationalpark Kalkalpen

An der Basis ist sie von dichten Moosen überwachsen, ihre Borke ist rissig und in Sachen Alter macht ihr so schnell keiner was vor. Stolze 525 Lenze zählt die älteste Buche der Alpen. Wo sie wächst? Im größten und bedeutendsten Wald-Nationalpark Österreichs, dem Nationalpark Kalkalpen.

Wer direkt vor der alten Lady steht, würde sie – das dürfte ihr schmeicheln – wohl jünger einschätzen. Im Gegensatz zu den Mammutriesen an der amerikanischen Westküste oder tropischen Dschungelgiganten mutet sie beinahe schmächtig an. Nationalpark-Direktor Erich Mayrhofer erklärt das scheinbare Paradoxon: „Ihr relativ geringer Stammdurchmesser lässt sich aus der Kombination von alpiner Lage, steiler Hangneigung und geringer Nährstoffverfügbarkeit erklären. Hinzu kommt, dass der Baum seine ersten 150 bis 200 Jahre, die gekennzeichnet sind von sehr kleinen und engen Jahresringen, offenbar als Unterstandling, verdeckt von anderen Bäumen, verbracht hat und mit sehr wenig Licht auskommen musste. Als einige ringsum stehende Bäume abstarben, schlug schließlich seine Stunde und er konnte zu seiner jetzigen Größe heranwachsen.“

Foto: Der Buchenmischwald gedeiht zwischen 380 und 1.450 Höhenmetern.

DIE LETZTEN WILDEN FLECKEN

Die 525-jährige Buche fungiert als Botschafterin für all ihre „Kolleginnen“, und derer gibt es im Nationalpark Kalkalpen eine ganze Menge. Der Buchenmischwald gedeiht zwischen 380 und 1.450 Höhenmetern. Mischwald deswegen, weil sich dazwischen auch Tannen und Fichten wohlfühlen. Und all das vom Menschen relativ unbehelligt. So kommt es, dass sich hier einige der letzten wirklich wilden Flecken Österreichs finden. „5.250 Hektar alte Buchenwälder sind in einem sehr natürlichen Zustand“, sagt Erich Mayrhofer und ergänzt: „420 Hektar gelten sogar als primärer Urwald!“ Tatsächlich haben Untersuchungen ergeben, dass die Hälfte des Nationalpark-Waldes älter als 160 Jahre ist. Die Urwaldgebiete legen da noch ein paar Hundert Jährchen drauf.

Foto: Nationalpark Direktor Erich Mayrhofer weiß welchen Schatz es in den Kalkalpen zu behüten gilt.

VERNETZT IM WOOD-WIDE-WEB

Warum das wichtig ist? „Alte Wälder, insbesondere solche, die mehr als 200 Jahre zählen, sind für das Ökosystem Wald besonders wertvoll. Wir wissen etwa, dass auf einem einzigen alten Baum bis zu 4.000 verschiedene Organismen leben können. Nicht umsonst werden die alten Wälder deshalb als Träger der biologischen Vielfalt bezeichnet“, erklärt Nationalpark Direktor Mayrhofer.

Spannend sind zudem die Erkenntnisse von Wissenschaftlern der Universität von British Columbia. Sie entdeckten das „wood-wide-web“. Wie es funktioniert? Bäume tauschen über ihre an den Wurzeln ansässigen Symbiose-Partner – die sogenannten Mykorrhiza Pilze – Kohlenstoff, Wasser und Nährstoffe miteinander aus. Eine zentrale Rolle nehmen dabei die mächtigen, alten Bäume des Waldes ein. Sie sind nicht nur mit allen anderen Bäumen eines Waldes über das „wood-wide-web“ miteinander verbunden, sondern sie verteilen auch gezielt Ressourcen an die jüngeren Bäume, die Unterstandlinge. Gut möglich, dass unsere alte Buchen-Lady von genauso einem Netzwerk profitiert hat. Und was passiert, wenn die großen Bäume abgeholzt werden? Die Überlebensrate der jüngeren verringert sich dramatisch.

Foto: Über Symbiose-Partner an den Wurzeln tauschen Bäume miteinander Kohlenstoff, Wasser und Nährstoffe aus. Die mächtigen, alten Bäume eines Waldes nehmen dabei eine zentrale Rolle ein.

DAS ERSTE WELTNATURERBE ÖSTERREICHS

Höchst an der Zeit also, dass der Wert der alten Wälder in unser aller Bewusstsein dringt. Mit dem allseits bekannten Prädikat „UNESCO Weltnaturerbe“ könnte sich die Botschaft noch rascher verankern. Im kommenden Sommer  ist es aller Voraussicht nach so weit. „Im Herbst 2016 fand die Begutachtung durch Experten der Weltnaturschutzunion statt und wenn alles gut läuft, dann erhalten die Buchenwälder des Nationalparks Kalkalpen im Juni oder Juli 2017 die Auszeichnung zum Weltnaturerbe“, sagt Erich Mayrhofer sichtlich stolz. Das wäre wohl das schönste Geschenk, dass dem Nationalpark zum 20-jährigen Bestandsjubiläum beschwert werden könnte. Das erste Weltnaturerbe Österreichs ließe sich dann in einem Atemzug mit den Victoriafällen, dem Great Barrier Reef und den Galapagos-Inseln nennen.

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